Bin 10 und suche Arbeit

Bin zehn, suche Arbeit

Wenn Kinder Geld verdienen

Ein Film von Silvia Kaiser
ZDF 37 Grad 2006

Die 12 jährige Alexandra, die 12 jährige Frauke, die 10 jährige Aida und der 11 jährige Florian haben eins gemeinsam: sie wollen arbeiten. Und zwar gegen Geld. Alexandra, Frauke und Florian sind zufrieden. Sie finden immer wieder Beschäftigungen. Frauke geht z.B. kellnern, Florian hilft nachmittags auf einem benachbarten Bauernhof aus, während Alexandra sich gern um alte kranke Leute kümmert. Nur die kleine Aida sucht noch verzweifelt nach einer Arbeit. Doch niemand will sie einstellen, denn damit macht sich ein Arbeitgeber strafbar.

Wirklich jobben dürfen nach dem Gesetz Jugendliche erst ab 15 Jahren. Nur in Ausnahmefällen darf man schon ab 13 Jahren geringfügigen Tätigkeiten nachgehen. So muss sich Aida weiterhin am Nachmittag langweilen. Sie würde lieber arbeiten, statt zu spielen, denn beim Spielen „kriegt sie gar nichts mit von der Welt“, sagt sie.

Frauke besucht ein Gymnasium, das Lernen fällt ihr leicht; nachmittags nimmt sie auch noch Balettunterricht. Auch im Haushalt hilft sie. Ihre Eltern verdienen gut. Für sie besteht absolut keine Notwendigkeit, noch zusätzliches Geld zu verdienen. Trotzdem, eine Arbeit ohne Lohn befriedigt Frauke nicht wirklich. Erst das Geld bedeutet echte Anerkennung – gerade in den Augen der Erwachsenen, wie sie scharfsinnig erkennt. Wenn ihre Arbeit bezahlt wird, fühlt sich Frauke wie in „der richtigen Welt“. Nicht mehr in der Kinderwelt, in der es immer nur darum geht, sich zu entwickeln, zu spielen, oder etwas nachzumachen. Man fühlt sich frei und ein stückweit selbständig, wenn man arbeitet, sagt sie, „dann kann man sich auf eine Ebene mit den Erwachsenen stellen“.

Aleksandra kauft am Nachmittag für alte Leute ein, führt deren Hunde aus, räumt ihre Wohnungen auf. Sie schätzt es sehr, dass sie etwas Sinnvolles tut. Daß sie anderen Leuten helfen kann. Aber auch das Geld, das sie bekommt, spielt bei Alexandra eine wichtige Rolle. Es zeigt ihr, daß was sie tut, anderen etwas wert ist. Ihre Mutter verdient als Altenpflegerin kaum genug, um über die Runden zu kommen. Wissenschaftler schätzen: Über die Hälfte aller Kinder in Deutschland arbeiten; tragen Zeitungen aus, putzen, kellnern, helfen an Tankstellen aus, machen Hilfsarbeiten auf dem Bau, betreuen Babys, helfen Nachbarn, Kranken und Alten, machen die Gärten, geben Nachhilfe u.a.m. Und noch mehr, nämlich 9/10 der Kinder, würden gerne arbeiten. Viele tun es nicht, weil es verboten ist, oder weil sie einfach keinen Job finden.

Florian geht oft aufs Feld. Im Münsterland, wo er wohnt, machen das fast alle 10jährigen - nicht bei den eigenen Eltern, sondern auf anderen Bauernhöfen, wo es etwas dafür gibt. Florian findet es viel besser an der frischen Luft zu arbeiten, statt wie viele seiner Altersgenossen, den ganzen Nachmittag mit Computerspielen abzuhängen. Es macht ihm richtig Spaß und wenn der Bauer ihn lobt, ist er stolz.

Ohne Zweifel: Kinderarbeit in Deutschland ist ein Massenphänomen. Doch nicht nur in Deutschland, auch in den Entwicklungsländern arbeiten Kinder teilweise gern. Frauke fliegt mit der katholischen Organisation „Romero“ nach Nicaragua und tauscht sich dort mit arbeitenden Kindern aus. Ohne die Arbeit der Kinder könnten die Familien meist nicht überleben, erfährt sie. „Achten, nicht ächten“ ist das Motto von Kindergewerkschaften. Denn Kinderarbeit ist auch hier offiziell verboten. Manchmal kommt die Polizei und vertreibt die Kinder von den Straßen. Das sind dann die Ärmsten der Armen, die Frauke auf einer Müllkippe nach Verwertbarem wühlen sieht. Frauke ist geschockt. Auch sie lehnt Ausbeutung und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen natürlich ab. Aber wenn Kinder arbeiten wollen ? Sie kehrt mit dem Resümee zurück: dort müssen die Kinder arbeiten, in Deutschland zwingt niemand und nichts sie dazu. Aber eines verbindet sie mit vielen Kindern dort: auch sie arbeiten gerne.

Silvia Kaiser greift mit diesem Film ein heißes Eisen auf. Schon die Frage, ob an Kinderarbeit auch etwas Gutes sein könnte, erscheint nicht als „political correct“. Aber „Kindheit“ hat sich enorm verändert. Der Kindersoziologe Prof. Manfred Liebel von der Berliner TU, an dessen Kinderarbeits-Studie Aida teilnimmt, sieht Kinderarbeit – in Maßen und geschützt – positiv. (Seine empirische Studie wird von der deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.) Der frühere Bundesminister Norbert Blüm, der Frauke zum Diskutieren empfängt, befürchtet dagegen Ausbeutung, sobald es um Geld geht. Aber Frauke hält dagegen... 37° fragt und begleitet vor allem die Kinder selbst, zuhause, in der Schule, bei ihren Arbeiten.

 

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